Die Wirkung von Titandioxid Nanopartikeln wurde bereits in zahlreichen Pflanzen und Tieren untersucht. Damit gehören sie zu den am umfangreichsten getesteten Nanopartikeln. Es liegen in vivo und in vitro Daten vor und es wurden Experimente in verschiedenen Medien (Wasser, Boden) und mit verschiedenen Aufnahmewegen (Wasser, Nahrung, Blut, Boden) durchgeführt.
Verteilung und Wirkung im Körper
Bei den zuvor beschriebenen Effekten in der Lunge handelt es sich um akute Reaktionen. Über chronische Auswirkungen von nano-Titandioxid-Partikel auf den Körper liegen noch wenige Studien vor. Park und Kollegen schlossen aus ihren Untersuchungen, dass Titandioxid möglicherweise chronische Entzündungen der Lunge nach Instillation verursachen kann . Grundsätzlich wirken Titandioxid-Partikel entsprechend den granulären biopersistenten Staubpartikeln (GBS).
Nach der Neubeurteilung von Titandioxid durch die ECHA und die EFSA gab es Zweifel, ob Titandioxid nicht doch unter bestimmten Umständen eine tumorinduzierende Wirkung haben könnte und damit nicht sicher in seiner Verwendung ist. Der Europäische Gerichtshof hat im November 2022 die Regelung der ECHA als „zu Unrecht erlassen“ eingestuft [siehe auch Tagesschau-Meldung ]. Auch internationale Expertengruppen kamen nach ausführlicher Beurteilung der publizierten Daten zu der Überzeugung, dass es weder ausreichende Beweise für eine gesundheitsschädliche noch ein Indiz für eine mögliche karzinogene Wirkung des Titandioxid gibt .
Verhalten an der Blut-Hirn-Schranke
Das Gehirn ist durch die Blut-Hirn-Schranke sehr gut vor dem Eindringen von Fremdstoffen geschützt. Somit ist ein Endringen von Titandioxid-Partikeln unwahrscheinlich. Partikel könnten beim Einatmen über den Riechnerv direkt ins Hirn gelangen. In einer Studie an Ratten wurde gezeigt, dass nach der Injektion von Titandioxid-Nanopartikel in die Blutbahn keine Anreicherung der Partikel im Gehirn erfolgte . Weiterhin wurde nach dem Einflößen von Titandioxid in die Lungen von Mäusen kein Titan im Gehirn nachgewiesen .
Aufnahme und Wirkung in Zellen
Titandioxid-Partikel werden mehrheitlich als große intrazelluläre Aggregate in Vesikeln, Vakuolen oder Lamellarkörpern (membranumschlossene Zellbestandteile) mittels Phagozytose in die Zellen aufgenommen. Hohe Dosen stören jedoch die Phagozytose, so dass es zur Überladung der Zellen, z.B. in der Lunge kommt . Nur für kleine Aggregate (< 30nm) und einzelne Partikel wurde eine pinozytotische Aufnahme beobachtet. Nach der Aufnahme liegen die Titandioxid-Partikel meist membrangebunden im Zytoplasma der Zellen vor. Es wurden bisher keine Partikel im Zellkern gefunden .
In vitro Mehrfachzellsysteme (auch Kokultursysteme genannt) simulieren das Zusammenspiel verschiedener Zellen im Körper und damit die in vivo Situation besser als einfache Zellkulturmodelle mit nur einem Zelltyp. Mittels sensibler Methoden konnte gezeigt werden, dass Titandioxid in allen Zelltypen eines 3-fach Kokultursystems als membrangebundene größere Aggregate, aber auch frei im Zytoplasma als kleinere Aggregate oder einzelne Partikel vorliegen .
Die Transzytose, also die Weitergabe von einer Zelle zur anderen, ist dagegen in vitro kaum untersucht. Messungen im Rahmen des Projektes NanoCare zum Transport von Nanopartikeln durch Zellen ergaben, dass kein Transport von Titandioxid-Partikel durch einlagige Zellschichten stattfindet . Exozytose, ein Vorgang, bei dem Stoffe aus der Zelle an die Zellumgebung abgegeben werden, konnte in in vitro Versuchen nicht beobachtet werden.
Zahlreiche in vitro Studien mit unterschiedlichen Zellen zeigen, dass Zellen je nach Typ und Herkunft verschieden stark auf eine Exposition mit Titandioxid reagieren. In Abhängigkeit von der Dosis können Titandioxid Nanopartikel die Sekretion von Entzündungsmarkern, die Bildung von reaktiven Sauerstoffspezies (ROS), Zytotoxizität und Apoptose hervorrufen .
Es sind jedoch sehr hohe Konzentrationen an nanoskaligem Titandioxid (15 nm Primärpartikelgröße) notwendig, um die Zellen unwiederbringlich zu schädigen .
In Studien mit menschlichen Nasenschleimhautzellen und weißen Blutkörperchen wurden jedoch keine Zell- bzw. DNA-Schädigungen nachgewiesen, obschon vereinzelt Partikel und vermehrt auch Agglomerate in den Zellen vorhanden waren .
Im Projekt NanoCare diente Titandioxid als sog. „Referenzmaterial“, d.h. es wurde in allen Versuchen mitgeführt. Untersuchungen mit unterschiedlichen Zelllinien zeigten, dass verschiedene Varianten von Titandioxid nur nach Gabe sehr hoher Dosen (50 µg/cm2) die Vitalität der Zellen reduzierte. Diese Dosis liegt nicht nur weit über der Menge an natürlich vorhandenem Titandioxid, sondern auch über derjenigen, die durch sachgemäßen Gebrauch von industriell hergestelltem Titandioxid entsteht. Zudem neigt Titandioxid zu starker Verklumpung, was die Menge an freien Nanopartikeln stark reduziert .
Mit Hilfe des sogenannten Vektor-Modells, das einige der elementaren Zellfunktionen abbildet , konnte gezeigt werden, dass eine Konzentration von ca. 60 µg Partikeln pro 106 Fresszellen zu einer Schädigung der Zellen führt. Auch die Bildung von reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) wurde erst bei dieser hohen Dosis in den Zellen detektiert .
Im Rahmen des Projekts NanoCare wurden in vitro Tests auch mittels eines am KIT entwickelten Expositionssystems für Bioassays zur Bestimmung der Toxizität gasgetragener Nanopartikel durchgeführt. Aerosol strömt hierbei über die Oberfläche von Zellen und kann durch die deponierten Partikel eine dosisabhängige Reaktion in den Zellen, wie zum Beispiel Entzündung, hervorrufen. Gleichzeitig wird die deponierte Partikeldosis pro Fläche mit einer Schwingquarzmikrowaage aufgezeichnet (siehe KIT-Flyer).
Im BMBF geförderten Verbundprojekt INOS wurde Titandioxid ebenfalls als Referenzmaterial eingesetzt. In den in vitro Tests zeigte sich übereinstimmend, dass Titandioxid auf verschiedene humane Zelllinien (A549, HaCaT, CaCo-2) und auch auf Zellen der Regenbogenforelle keine zytotoxische Wirkung zeigte (eingesetzte Konzentrationen bis 50 µg/ml über 3 Stunden und 3 Tage) [siehe dazu auch die INOS Forschungsberichte, 2009].
Grundsätzlich zeigen die meisten Studien keine gesundheitsschädlichen Wirkungen durch Titandioxid. Allerdings wurden in den vergangenen 10 Jahren vermehrt Studien mit sehr hohen Konzentrationen durchgeführt. Diese und Hochdosisstudien aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts führten dazu, dass die Französische Agentur für Nahrungssicherheit, Umwelt und Arbeitsschutz (ANSES) einen Antrag bei der Europäischen Chemikalien Agentur ECHA stellte, Titandioxid neu einzustufen. Die ECHA folgte diesem Antrag und führte eine neue Kennzeichnung aller Titandioxid enthaltenden Produkte ein. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA verbot daraufhin die Verwendung von Titandioxid in Lebensmitteln. Der Europäische Gerichtshof hat die Kennzeichnungspflicht aufgrund fehlender Indizien wieder aufgehoben. Weitere Entscheidungen sind zukünftig zu erwarten.
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